Stellungnahme zum Spiel gegen Astoria Walldorf

Stellungnahme zum Spiel gegen Astoria Walldorf

Servus Kickersfans,

am gestrigen Tag wurde der Support von uns während dem Spiel eingestellt und das Stadion verlassen.
Die Polizei hat es, aus unserer Sicht, geschafft über die letzten Jahre Schritt für Schritt einen für sie rechtsfreien Raum zu schaffen, der einen aktiven Support einer konstruktiven Kurve mit dem Höhepunkt des gestrigen Tages nicht mehr vereinbar macht. Da in persönlichen Gesprächen im Nachhinein nicht jede Person erreicht werden konnte, möchten wir die aktuelle Situation aus unserer Sicht schildern.
Schon seit sich Fußballverbände einbilden, dass mit Stadionverboten irgendeines der von ihnen empfundenen Probleme lösbar ist, hat der Rechtsstaat im Fußballstadion im Zweifelsfall Pause. Konkret auf uns bezogen spitzte sich die Situation in den letzten Jahren mit bis zu 33 zeitgleichen Stadionverboten für die aktive Fanszene zu. Das war für eine damalige Oberligaszene schwer zu verkraften. In großer Mehrheit der Fälle wurde nicht einmal ein (wenn es überhaupt stattfand) rechtsstaatliches Verfahren abgewartet. Verbände und Polizei wussten es besser als die Gerichtsbarkeit und so bekam schlussendlich die Gewaltenteilung auch gleich ein Stadionverbot. Hier sind auch Fälle inbegriffen, in denen die Staatsanwaltschaft nicht einmal einen Anfangsverdacht sah, der es Wert war, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Doch was schert dies einen Fußballverband? An dieser Stelle stellt sich auch die datenschutzrechtliche (aber nicht sonderlich schwer zu beantwortende) Frage, von wem der WFV Informationen über Ereignisse außerhalb von Fußballspielen zugesteckt bekommt und was es diesen überhaupt angeht?
Und konnte man kein Stadionverbot durchsetzen, verteilte man einfach fröhlich Betretungsverbote, gegen die es kurzfristig oftmals gar keinen möglichen juristischen Weg gibt, den man vor dem jeweils betreffenden Spiel einschlagen kann. Dass hier als Begründung Vermutungen scheinbar ausreichen und keine Gerichtsurteile aufgeführt werden, ist eine weitere traurige Realität.
Zu einer weiteren Zuspitzung der Situation kam es beim WFV-Pokalspiel gegen Balingen während dem Corona-Zuschauerausschluss. Hier wurde, unter Einhaltung der Abstandsregeln, die Mannschaft vom Parkplatz aus supportet. Von der Polizei wurde die Situation scheinbar gefährlicher eingeschätzt und so wurde der Fanbeauftragte herbeigebeten. Schlussendlich war ihnen aber nicht an einem konstruktiven Austausch sowie weiterem Support der Kickersmannschaft gelegen und da sich die Anzeichen mehrten, dass der Parkplatz in Kürze nonverbal geräumt wird, organisierte der Fanbeauftragte ein friedliches und coronakonformes Verlassen der Waldau. Zum Dank wurde ihm juristisch gedroht, er bekam eine Ordnungswidrigkeitenanzeige und musste schlussendlich ein Bußgeld für eine angebliche Menschensammlung zahlen, mit deren Zustandekommen er nichts zu tun hatte, zu der er von der Polizei erst gebeten wurde und die er schlussendlich sogar auflöste. Hier hätten wir uns von unserem Verein nicht nur intern und persönlich sondern auch nach Außen kritische Worte gegenüber der Polizei gewünscht. Nach wie vor scheint die Polizei nicht sonderlich glücklich darüber, dass die Kickers einen Fanbeauftragten mit eigener Meinung (gegenüber ihnen aber genauso gegenüber der Fanszene) haben.
Ein weiterer trauriger Höhepunkt war der zweite mehrstündige Polizeikessel gegen Ulm. An diesen können sich manche von euch sicherlich erinnern, da die Polizei hier alle Personen einkesselte, die sich gerade zufällig am Luftbad aufhielten. So wichtig dieser Kessel für die Sicherheit dargestellt wurde: Kein einziges „erfolgreiches“ Strafverfahren hieß das schlussendliche Ergebnis. Hier wäre ein Richtigstellen des Polizeiberichts von Vereinsseite angebracht gewesen, zumal es ja beileibe nicht „nur“ Ultras sondern den gesamten Querschnitt aller Kickersfans betraf, die sich im Polizeikessel befanden.

Nur der Mannschaft ist zu verdanken, dass der größte Erfolg seit Jahren kein Scheißtag wurde. Als sie vom Polizeikessel erfuhr, zogen sie mit Musikbox und Pokal zu den eingekesselten Fans, ignorierte die Bitte der Polizei sich zu entfernen, reichte den Pokal in den Polizeikessel und es wurde zusammen gefeiert. Kickers!
Diese Gängeleien führten über die Jahre überraschenderweise zu keinem positiven Meinungsbild über die Stuttgarter Polizei (aber vielleicht schätzen wir die Lage auch falsch ein und in Stuttgart gab und gibt es wirklich kein größeres Problem als aktive Kickersfans). In diesen Ereignissen liegt auch der Ursprung mancher Textzeilen in Liedern sowie Aussagen in Spruchbändern. Hier haben wir es in der Vergangenheit sicherlich verpasst die Hintergründe besser zu erläutern. Eines der (wie konstruktiv man das schlussendlich empfinden mag) Reaktionen auf die vergangenen Jahre ist der 1312-Banner. Man muss ihn nicht intelligent oder gut finden, nur verstößt eine Zahlenkombination dieser Art sicherlich nicht gegen das Grundgesetz, wenn es so allgemein gehalten ist. Dies trifft nicht einmal auf das wesentlich konkretere ACAB zu: https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/bvg16-036.html

Zur Situation in unserem Stadion ist leider noch hinzuzufügen, dass eine Stadionordnung in Kraft ist, in welcher Banner auch einfach so nach Tageslaune verboten werden können, auch wenn deren Inhalt „strafrechtlich nicht relevant ist“ (§5 Abs.3a Stadionordnung; https://www.stuttgart.de/medien/ibs/5-2.pdf.) Dies mag nordkoreanisch klingen, ist aber traurige schwäbische Realität. Man mag dies auf den ersten Blick nicht schlimm finden, wenn damit nur ein solches Banner betroffen ist. Schlussendlich gibt dieser Absatz aber Entscheidungsträgern jeglicher Gesinnung eine potentielle Handhabe gegen Spruchbänder mit Botschaften für einen diffamierten Spieler, gegen Terrorismus oder sonstige menschliche Verfehlungen, die wirklich problematisch sind. Unabhängig von unserem Banner sollte dieser Absatz dringend kritisch diskutiert werden. Auch hier werden rechtsstaatliche Prinzipien ausgesperrt.
Besagter Banner hat in den vergangenen Wochen dazu geführt, dass jegliche Relation abhanden gekommen ist. Einer Person, die das Banner aufhing, wurde mit einer Anzeige gedroht, welche nun scheinbar auch erfolgte. Wir können uns nicht vorstellen, wie das vor Gericht haltbar sein soll.
Im Anschluss an das Spiel gegen die VfB-Amas verschaffte sich die Polizei mit Hilfe von Vereinsangestellten Zutritt zum Materialraum, wo zuvor aufgrund von im Raum stehenden Anzeigen und Ganzkörperkontrollen das Banner deponiert wurde. Dort wurde die Trommeltasche (welche keiner der anwesenden Parteien gehörte ! ) geöffnet und besagtes Banner geklaut. Ein Gerichtsbeschluss etc. ist uns hierzu nicht bekannt. Gefahr im Verzug kann bei einer Trommeltasche wohl auch ausgeschlossen werden. Und dass die pure Existenz eines solchen Banners in einer Trommeltasche keine Straftat ist, sollte unstrittig sein. Deshalb noch einmal: Geklaut. Offiziell wurde uns das bis heute auch nicht mitgeteilt. Nach den vehementen Androhungen einer Anzeige hätte man ja einen Ansprechpartner gehabt und sich zudem einmal Porto gespart.
Leider hielt es auch unser Verein nicht für angebracht uns über die Veränderungen des fremden Eigentums zu informieren. Dass der Verein dies nicht einmal in den nächsten Tagen hinbekommen hat, enttäuscht uns (in Bezug auf den Verein) fast noch mehr als dass ohne Gerichtsbeschluss die Tür aufgeschlossen und in unseren Sachen gekramt wurde. Schlussendlich hatte man doch in den letzten Jahren ein gutes Verhältnis und niemand von uns sieht den Verein hier in der Täterrolle. Das war einfach unnötig. Bis jetzt konnten wir uns zuletzt besonders in kritischen Situationen mit unterschiedlichen Standpunkten immer vertrauensvoll austauschen. Wir hoffen, dass wir bald wieder zu einem solchen Verhältnis finden können.

Durch die fehlende Information wurden wir am Spieltag von der Situation überrascht. Da wir erst eine Entscheidung treffen wollten, wenn wir wirklich wissen, was passiert ist, wurde das Tifo zunächst ganz normal aufgebaut und auch bis zu diesem Punkt supportet. Zeitgleich fanden Gespräche mit dem Verein statt. Von der Polizei gab es keine auffindbaren Gesprächspartner. Selbst die Stadionwache war nicht besetzt. Bei der in den letzten Wochen geschilderten gefährlichen Situation dann doch etwas widersprüchlich. Die Sicherheitslage der letzten Wochen scheint wohl ohne das Banner nicht mehr gegeben zu sein. Ein Schelm, wer…
Der konstruktive Weg wurde von der Polizei schon lange verlassen und mit „immer weiter so“ stehen wir als Fanszene unter diesen Gegebenheiten bald in einer Sackgasse. Nachdem wir in den letzten Jahren immer mehr Steine in den Weg gelegt bekamen, waren wir gestern nicht mehr in der Lage, dies für weitere 90 Minuten zu verdrängen und die Mannschaft anzufeuern. Deshalb haben wir für uns die Entscheidung getroffen zu gehen. Wir haben bewusst niemanden dazu aufgefordert nicht mehr zu supporten. Durch die etwas chaotische Situation haben wir es verpasst (aber auch ,ehrlich gesagt, keine passenden nüchternen Worte gefunden), direkt umfassend zu informieren. Umso mehr bedanken wir uns für die Rückfragen, Gespräche und positiven Bekundungen nach dem Spiel, die uns erreichten. Besonders auch bei unseren Freunden aus Regensburg für das spontane Spruchband! Da uns dieses Thema wohl noch lange begleiten wird und ein Ausgang offen ist, sind wir auch weiterhin für (auch kritische) persönliche Rückfragen und Gespräche offen.
In diesem Zusammenhang möchten wir auch noch einmal betonen, dass es uns weh tat, die Mannschaft nicht mehr zu unterstützen und diese Entscheidung uns sicherlich nicht leicht fiel. Die Mannschaft wurde in der Halbzeit informiert. Unser seit Jahren sehr gutes, und zum Teil auch persönlich freundschaftliches, Verhältnis zur Mannschaft, welches über den Support am Spieltag hinausgeht, kommt nicht von ungefähr und wird auch weiterhin bestehen bleiben.


Auf die Blaue!

Blaue Bomber 1995

Blue Fanatic 2009

Young Care 2008